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Kinder & Bindung

Pubertät in der Patchworkfamilie: Warum im Gehirn die Lichter ausgehen

Von Sally Matthes · 2. Mai 2026 · Aktualisiert: 20. Mai 2026
Teenager sitzt mit verschränkten Armen auf dem Sofa, Bonusmama steht nachdenklich im Hintergrund

Dein Teenager steht vor dir — und du hast das Gefühl, mit einer Wand zu reden. Kein Zuhören. Kein Mitdenken. Keine Reaktion auf das, was du sagst. Und du fragst dich: Liegt es an mir? Habe ich was falsch gemacht? Oder ist das „halt die Pubertät“?

Und dann kommt noch eine zweite Stimme dazu: Ich bin ja nicht mal die echte Mutter. Wer bin ich, hier zu erwarten, dass es mich respektiert?


🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Im Gehirn gehen die Lichter aus“ mit Kira Liebmann an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.


Warum dein Teenager dich gerade nicht hören kann

Kira Liebmann ist Pubertätsüberlebenstrainerin. Sie hat über 400 Vorträge an Schulen gehalten und begleitet Familien durch die turbulenteste Phase der Kindheit. Im Gespräch hat sie ein Bild verwendet, das bei mir sofort hängen geblieben ist:

Stell dir eine lange Lagerhalle vor. Am Anfang der Pubertät schaltet sich das Gehirn einmal komplett aus. Dann gehen die Lichter eins nach dem anderen wieder an — vom Nacken nach vorne. Das letzte Licht, ganz vorne hinter der Stirn? Der präfrontale Kortex. Zuständig für logisches Denken, Planen, Konsequenzen abschätzen.

Und der bleibt am längsten im Winterschlaf. Bis 17 ungefähr fangen Jugendliche an, wieder vollen Zugriff darauf zu bekommen. Wirklich fertig? Mitte 20.

Neurowissenschaftliche Studien bestätigen: Der präfrontale Kortex ist erst mit etwa 25 Jahren vollständig ausgereift (Giedd et al., 1999). Das bedeutet: Dein Teenager ist nicht respektlos. Er ist nicht faul. Ihm fehlt buchstäblich das Werkzeug, das wir Erwachsene für selbstverständlich halten.

„Wenn ein Teenager dich anschreit oder die Tür zuwirft, ist das kein Angriff auf dich. Das ist ein Nervensystem, das nicht weiß wohin mit dem Druck. Dein Job ist nicht, das zu verhindern — sondern der Anker zu sein, der nicht weggeschwemmt wird.“ — Kira Liebmann, Pubertätsüberlebenstrainerin

Jugendliche sitzt allein am Fenster und blickt nachdenklich nach draußen, warmes Herbstlicht

Labeling: Die unsichtbare Gefahr

Etwas, das Kira besonders am Herzen liegt — und was mich persönlich sofort getroffen hat: Wie schnell wir Teenager labeln.

„Ach, das ist halt die Pubertät.“ „Der wird jetzt doof.“ „Die fängt an zu spinnen.“

Wir werten eine komplette Entwicklungsphase ab. Kira vergleicht es mit einem Satz, den viele schwangere Frauen kennen: „Ach, Schwangerschaftsdemenz.“ — Als wäre man plötzlich weniger wert, nur weil der Körper gerade einen biologischen Prozess durchläuft.

Statt bei uns zu schauen, geben wir die Verantwortung dem Jugendlichen. Weil es einfacher ist, „Pubertät“ zu sagen, als hinzuschauen, was das Verhalten wirklich auslöst.

Für Bonusmamas hat das Labeln eine besondere Brisanz. Wenn das Bonuskind schwierig wird, ist die Versuchung groß, es auf die Patchwork-Situation zu schieben: Das liegt an der Trennung. Das liegt daran, dass ich nicht die echte Mama bin. Manchmal stimmt das. Aber manchmal ist es schlicht die Pubertät — und das ist entlastend. Denn Pubertät geht vorbei.

Connection over Correction — besonders als Bonusmama

Laut der Familienforscherin Patricia Papernow (2013) sind Patchworkfamilien in der Pubertät besonders gefordert, weil die ohnehin fragile Stiefbeziehung durch den biologischen Umbauprozess nochmal auf die Probe gestellt wird. Hier wird es für uns in Patchworkfamilien richtig spannend: Beziehung vor Erziehung. Das kennen wir als Bonusmamas sowieso. Wir wissen, dass wir ohne Beziehung nichts bewegen können.

Kira bestätigt: In der Pubertät wird genau dieses Prinzip nochmal zehnmal wichtiger. Teenager gehen über Gefühle, über Beziehung, über Austausch — nicht über Befehle und Anweisungen.

Und als Bonusmama hast du dabei einen unerwarteten Vorteil: Du bist nicht die leibliche Mutter. Du bist eine andere Instanz. Ein Puffer. Eine Mediatorin. Jemand, der einen anderen Blickwinkel mitbringt — ohne die ganze Geschichte der Kindheit mit reinzuschleppen.

Das ist kein Makel. Das ist ein Geschenk.

Leibliche Eltern und ihre Teenager haben oft jahrelang angesammelte Konflikte. Du kommst ohne diese Last. Du kannst eine andere Art von Beziehung aufbauen — neutraler, freier, manchmal sogar offener. Viele Jugendliche erzählen ihrer Stiefmutter Dinge, die sie der eigenen Mutter nie sagen würden. Nicht weil die Bindung schwächer ist — sondern weil sie anders ist.

Was als Bonusmama NICHT funktioniert

Bevor wir zu den konkreten Schritten kommen, kurz zu dem, was in der Pubertät garantiert nach hinten losgeht — und das gilt für leibliche Eltern genauso wie für Bonusmamas:

Diskutieren und erklären. Der präfrontale Kortex ist offline. Rationale Argumente landen nicht. Du redest gegen eine Wand.

Konsequenzen androhen wenn der Teenager gerade explodiert. Im Affekt hört niemand zu. Warte bis sich das Nervensystem beruhigt hat.

Vergleiche mit anderen. „Deine Schwester war nie so.“ Das schließt, was noch offen war.

Deine Autorität auf deine Rolle beziehen. „Ich bin hier auch Teil der Familie und du wirst mich respektieren!“ Funktioniert nicht. Autorität als Bonusmama entsteht aus Beziehung, nicht aus Position.


Zwei Kaffeetassen auf einem Holztisch, warmes Licht — ruhiges Gespräch zwischen zwei Personen

Was du konkret tun kannst

1. Verstehe die Biologie. Dein Teenager ist nicht absichtlich schwierig. Das Gehirn baut sich gerade komplett um. Logisches Denken kommt als Letztes zurück. Wenn du das weißt, nimmst du es weniger persönlich — und kannst ruhiger reagieren.

2. Hör auf zu labeln. Jedes Mal, wenn du „Pubertät“ als Erklärung für alles benutzt, machst du den jungen Menschen ein Stück kleiner. Schau stattdessen hin: Was steckt hinter dem Verhalten? Überforderung? Angst? Einsamkeit?

3. Beziehung geht vor Regeln. Eine Regel ohne Beziehung ist eine Provokation. Investiere in Verbindung — auch wenn es sich anfühlt, als würde es nichts bringen. Es bringt was. Du siehst es nur noch nicht. Mehr dazu im Artikel über Bonusmama und Bonuskind — Beziehung aufbauen.

4. Nutze deinen Bonus-Status. Du bist nicht in der Elternrolle gefangen. Du kannst ein anderes Gespräch anbieten. Kein „Du musst“ — sondern „Ich frage mich…“ oder „Ich hab das mal erlebt…“. Niedrigschwellig. Ohne Erwartung.

5. Lass die Hauptverantwortung beim leiblichen Elternteil. Gerade in der Pubertät ist es wichtig, dass du nicht die Haupterziehungsperson bist — das gehört zu deinem Partner. Deine Aufgabe ist es, eine verlässliche, neutrale Bezugsperson zu sein. Das entlastet dich und das Bonuskind. Mehr zum Thema: 10 Regeln für Patchworkfamilien.

6. Erlaube dir Unterstützung. Kira sagt klar: Wenn dein Bauchgefühl dir sagt, hier komme ich alleine nicht weiter — dann ist der Moment da, sich Hilfe zu holen. Das ist keine Schwäche. Das ist Verantwortung.

7. Schreib dir Kiras Mantra auf einen Post-it: „Es geht vorbei.“ Jede Phase kommt in Wellen. Und jede Welle geht auch wieder.

Es gibt keine Blaupause — und das ist okay

Jede Pubertät ist anders. Jedes Kind ist anders. Und jede Patchworkfamilie ist sowieso anders. Es gibt nicht den einen Weg. Bei Kind A funktioniert A, bei Kind B vielleicht B.

Was zählt: Du bist da. Du hast es bis hierher durchgehalten. Du suchst nach Antworten — das zeigt schon, dass du es ernst nimmst. Das ist mehr, als viele tun.

Bleib neugierig. Bleib offen. Und bleib gnädig — mit dem Teenager und mit dir.


Zusammenfassung

Pubertät in der Patchworkfamilie ist herausfordernd — aber als Bonusmama bist du nicht zwingend im Nachteil. Dein Bonus: Du trägst keine jahrelange Konfliktgeschichte mit. Du kannst eine andere, neutralere Beziehung aufbauen. Das Wichtigste laut Pubertätsexpertin Kira Liebmann: Beziehung vor Erziehung. Verstehe die Biologie — dein Teenager hat kein Defizit an Respekt, sondern buchstäblich kein Gehirn-Tool für rationale Entscheidungen. Bleib der Anker. Investiere in Verbindung, auch wenn es gerade nichts zurückkommt. Und gib dir selbst die gleiche Geduld, die du dem Teenager entgegenbringst.


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Häufige Fragen

Warum hört mein Teenager in der Pubertät nicht mehr auf mich — ist das wegen Patchwork?

Nicht unbedingt. Der präfrontale Kortex — zuständig für Impulskontrolle, Planung und rationales Denken — ist in der Pubertät als letzter Teil des Gehirns offline. Das betrifft alle Teenager, unabhängig von der Familienstruktur. Patchwork kann zusätzliche Loyalitätskonflikte erzeugen, aber das grundsätzliche „nicht Zuhören“ ist meist reine Biologie.

Habe ich als Bonusmama überhaupt eine Chance, mit dem Teenager in Kontakt zu kommen?

Ja — und manchmal sogar eine bessere als leibliche Eltern. Du trägst keine jahrelange Konfliktgeschichte mit dir. Du bist eine andere Instanz, neutraler und unbelasteter. Viele Jugendliche erzählen ihrer Bonusmama Dinge, die sie der eigenen Mutter nicht sagen. Investiere in kleine, niedrigschwellige Verbindungsmomente — ohne Erwartung.

Soll ich eingreifen, wenn mein Partner schlecht mit seinem pubertierenden Kind umgeht?

Gespräch unter vier Augen, nicht im Moment der Eskalation. Als Bonusmama ist deine stärkste Rolle die einer ruhigen, beobachtenden Stimme — keine Schiedsrichterin im Konflikt. Teile deine Beobachtung mit deinem Partner: „Mir ist aufgefallen, dass...“ Das öffnet mehr als ein direktes Eingreifen.

Was tue ich, wenn das Bonuskind mich in der Pubertät aktiv ablehnt?

Gib dem Kind Raum — ohne dich zurückzuziehen. Erzwinge keine Nähe, aber sei verlässlich präsent. Reduzie deine Erwartungen an aktiven Austausch. Manchmal reicht es, einfach da zu sein: im gleichen Raum, freundlich, ohne Anspruch. Beziehungen, die in der Pubertät auf Eis liegen, tauen danach oft wieder auf. --- Über Kira Liebmann: Pubertätsüberlebenstrainerin, systemischer Coach und Mutter von zwei Kindern (17 und 13). Mehr von Kira auf Instagram und auf ihrer Akademie für Familiencoaching.