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Partnerschaft

Als Bonusmama bist du die Außenseiterin in eurer Patchworkfamilie!

Von Sally Matthes · 16. August 2024 · Aktualisiert: 7. März 2026
Frau sitzt allein am Rand einer Familienszene und fühlt sich als Außenseiterin in der Patchworkfamilie

Das Gefühl, als Bonusmama die Außenseiterin in der eigenen Familie zu sein, ist keine Einbildung — es hat einen systemischen Grund. Patchworkfamilien-Forscherin Dr. Patricia Papernow beschreibt, warum die neue Partnerin strukturell außen vor bleibt und was du aktiv dagegen tun kannst.

Neulich begegnete mir das Konzept von Dr. Patricia Papernow – eine renommierte Psychologin und Expertin im Bereich der Patchworkfamilien. Sie hat jahrelang Patchworkfamilien erforscht und dabei die fünf größten Herausforderungen zusammengefasst. Und eins davon – die Herausforderung des Außenseiters – schauen wir uns heute mal genauer an. Du kannst dich im Übrigen hier in ihr Werk einlesen, falls du tiefer einsteigen willst. Doch lass mich dir erst einmal einen Gesamtüberblick über ihr Konzept geben.


🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Ausgeschlossen in der eigenen Familie“ an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.


Die 5 Herausforderungen im Überblick

1. Insider und Outsider: Die Positionen im Paar sind oft festgefahren und intensiv. Der neue Partner fühlt sich oft ausgeschlossen und muss seinen Platz in der bereits bestehenden Familieneinheit finden. Die Kinder haben eine enge Bindung an den biologischen Elternteil und können den neuen Partner als Bedrohung wahrnehmen.

2. Verluste und Loyalitätskonflikte: Kinder in Patchworkfamilien kämpfen mit Verlusten und oftmals mit zu vielen Veränderungen in zu kurzer Zeit. Sie müssen den Verlust der ursprünglichen Familienstruktur verarbeiten und fühlen sich hin- und hergerissen zwischen den Elternteilen. Das führt häufig zu Loyalitätskonflikten, die das ganze Familiensystem belasten.

3. Erziehung als Spaltpotenzial: Erziehungsaufgaben können das Paar spalten, wenn es unterschiedliche Ansichten gibt. Der biologische Elternteil und der neue Partner können unterschiedliche Erziehungsstile und -vorstellungen haben. Es kann zu Konflikten kommen, wenn der neue Partner in die Erziehung eingreift oder der biologische Elternteil sich in seiner Elternrolle bedroht fühlt.

4. Neue Familienkultur: Die Familie muss eine neue Kultur schmieden und gleichzeitig eine Vielzahl von Unterschieden navigieren. Jedes Familienmitglied bringt seine eigene Geschichte, Werte und Gewohnheiten mit. Es gilt, neue Traditionen und Rituale zu entwickeln, die alle einbeziehen — wobei Bonuseltern keine Erziehungsmacht übernehmen, diese bleibt beim Elternteil.

5. Der Ex-Partner: In Patchworkfamilien gibt es mindestens einen Ex-Partner — ob lebend oder verstorben — außerhalb der Kernfamilie, der untrennbar mit der Familie verbunden ist. Die Beziehung zum Ex-Partner beeinflusst die Dynamik — und manchmal zeigen sich auch ungesunde Muster wie das Mini-Wife-Syndrom, Konflikte können auf die neue Familie übergreifen und Kinder haben weiterhin eine Bindung an den außerhalb lebenden Elternteil.

Lass uns nun direkt mal tiefer in die erste Herausforderung einsteigen.

Patchworkfamilie am Esstisch, eine Person sitzt etwas abseits und beobachtet die anderen

Die Position des Außenseiters

Stell dir vor, du bist Sabine und dein Partner Kevin hat zwei Kinder. Jedes Mal, wenn eins der Kinder den Raum betritt, entsteht automatisch eine Insider-Outsider-Dynamik: Kevin und das Kind teilen einen exklusiven Moment, während du dich schnell ausgeschlossen fühlst. Kevin wiederum fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dir und seinen Kindern.

Die Familientherapeutin Patricia Papernow betont, dass dies eine der zentralen Herausforderungen für Patchworkfamilien ist. Anders als in einer Kernfamilie, wo die Kinder von Anfang an mit beiden Eltern vertraut sind, gibt es in Stieffamilien zunächst keine gemeinsame Basis. Die Insider-Outsider-Positionen sind festgefahren und es braucht Zeit und Geduld, sie aufzulockern.

„Fast jede Bonusmama, die zu mir ins Coaching kommt, sagt irgendwann diesen einen Satz: ‚Ich fühle mich wie der Gast in meiner eigenen Familie.’ Und das Schlimmste daran ist nicht das Gefühl selbst — sondern dass sie glaubt, sie sei die Einzige.” — Sally Matthes, Coach für Bonusmamas

Das bedeutet nicht, dass du als Outsider immer außen vor bleiben musst. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass deine Rolle am Anfang anders ist als die des leiblichen Elternteils. Du musst dir das Vertrauen der Kinder erst Schritt für Schritt erarbeiten, während dein Partner lernen muss, dich mehr einzubeziehen, ohne seine Kinder zu vernachlässigen.

Außenseiter sein, ja! Dann aber möglichst auf der Sonnenseite. – Martin Reisenberg

Frau steht nachdenklich am Fenster während im Hintergrund eine Familie zusammen spielt

Was kannst du dagegen tun?

  • Normalisieren und Verständnis zeigen: Allein zu wissen, dass diese Dynamik zum Territorium einer Stieffamilie gehört und die damit verbundenen Gefühle normal sind, kann schon entlastend wirken. Wenn Kevin und Sabine verstehen, dass es ganz natürlich ist, dass Sabine sich jedes Mal ausgeschlossen fühlt, wenn eins der Kinder den Raum betritt, während Kevin automatisch zum Insider wird, kann das helfen, die Scham zu lindern und mehr Mitgefühl füreinander zu entwickeln.
  • Bewusst Zeit zu zweit verbringen: Entgegen der Vorstellung, dass man möglichst viel gemeinsam als ganze Familie unternehmen sollte, sind die Insider-Outsider-Positionen in diesen Situationen oft besonders ausgeprägt. Stattdessen ist es förderlich, wenn:
    • Sabine und Kevin ihre Paarbeziehung pflegen
    • Sabine separat Zeit mit den Kindern verbringt, um eine eigene Beziehung aufzubauen
    • Kevin exklusive Zeit mit seinen Kindern hat

So fühlt sich jeder gesehen und wertgeschätzt.

  • Gut kommunizieren: Starke Paare schaffen es, offen und konstruktiv über ihre Gefühle zu sprechen, anstatt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen oder sich zurückzuziehen. Wenn Sabine sagt: „Wenn deine Kinder da sind, fühle ich mich unsichtbar”, könnte Kevin tief durchatmen, sie in den Arm nehmen und sagen: „Das ist nicht leicht zu hören, aber ich verstehe, dass es schwierig für dich ist. Erzähl mir mehr.” So signalisiert er Verständnis und Interesse, anstatt in die Defensive zu gehen.

Mit Einfühlungsvermögen, Geduld und dem Willen, aufeinander zuzugehen, können Kevin und Sabine die Herausforderung meistern.

Und was solltest du nicht tun?

Genauso wichtig wie zu wissen, was man tun sollte, ist es zu verstehen, welche Verhaltensweisen die Insider-Outsider-Dynamik verschärfen können:

  • Druck aufbauen, sofort eine „Bilderbuchfamilie” zu sein: Erwarte nicht von dir selbst oder deinem Partner, dass ihr von Anfang an eine perfekt harmonische Familie seid. Akzeptiere, dass die Integration Zeit braucht und mit Herausforderungen verbunden ist. Druck oder überhöhte Erwartungen führen nur zu Frust und Enttäuschung.
  • Die Gefühle des anderen nicht ernst nehmen: Wenn dein Partner dir von seinen Schwierigkeiten mit der Outsider-Position erzählt, vermeide es, diese abzutun oder herunterzuspielen. Sätze wie „Stell dich nicht so an” oder „Das bildest du dir nur ein” sind verletzend und kontraproduktiv. Nehmt die Gefühle des anderen ernst und zeigt Verständnis.
  • In Machtkämpfe und Schuldzuweisungen verfallen: Es ist leicht, dem anderen vorzuwerfen, nicht genug zu tun oder sich falsch zu verhalten. „Du beziehst mich nie ein!” oder „Du lässt den Kindern alles durchgehen!” – solche Vorwürfe führen schnell zu einer Negativspirale. Stattdessen solltet ihr euch als Team sehen und gemeinsam nach Lösungen suchen.
  • Die Beziehungen über einen Kamm scheren: Behandle nicht alle Beziehungen gleich. Die Eltern-Kind-Bindung ist anders als die Paarbeziehung oder die Beziehung zwischen Stiefkind und Stiefeltern. Respektiere die Unterschiede und hab realistische Erwartungen daran, wie schnell und wie eng sich die einzelnen Beziehungen entwickeln.

Indem ihr diese Fallstricke vermeidet und euch stattdessen auf die positiven Strategien konzentriert, könnt ihr als Paar einen Weg finden, mit den Insider-Outsider-Positionen umzugehen und langfristig enger zusammenzuwachsen. Habt Geduld mit euch und dem Prozess.

Zusammenfassung

Das Gefühl, als Außenseiterin in der eigenen Patchworkfamilie zu stehen, ist eine der häufigsten und schmerzhaftesten Erfahrungen für Bonusmamas. Die Insider-Outsider-Dynamik ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft – sie gehört zum Wesen einer Stieffamilie dazu. Entscheidend ist, wie ihr als Paar damit umgeht: Normalisiert die Gefühle, investiert bewusst in einzelne Beziehungen und kommuniziert offen miteinander. Vermeidet den Druck, sofort eine perfekte Familie sein zu müssen, und gebt euch gegenseitig die Zeit, die es braucht.

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