Die unsichtbare Last: Verluste und Loyalitätskonflikte von Bonuskindern
Loyalitätskonflikte sind die unsichtbare Last, die fast jedes Bonuskind trägt — und die du als Bonusmama direkt zu spüren bekommst. Wenn ein Kind das Gefühl hat, sich zwischen Mama und der neuen Partnerin des Papas entscheiden zu müssen, zeigt sich das oft als Ablehnung, Rückzug oder Aggression.
Neulich erzählte mir eine Klientin, dass sie gehört hatte, wie ihr Bonuskind am Telefon zur Mutter sagte “Ja, mir geht es auch nicht gut. Ich vermisse dich auch.” und das, obwohl das Kind den ganzen Tag unbeschwert gespielt hatte. Später erzählte das Kind, dass es das gesagt hatte, weil die Mutter dem Kind gesagt hatte, dass sie es schrecklich vermisst — das Kind wollte somit die Bindung zur Mutter aufrechterhalten — ein klassischer Loyalitätskonflikt. Dies ist eine der 5 Herausforderungen, die die amerikanische Psychologin Patricia Papernow (2013) in „Surviving and Thriving in Stepfamily Relationships” erforscht hat. In Deutschland leben rund 1,1 Millionen Patchworkfamilien (Statistisches Bundesamt, 2024) — und in fast jeder davon erleben Kinder solche Konflikte. Studien zeigen, dass es 4–7 Jahre dauert, bis eine Stieffamilie ein stabiles Gleichgewicht findet (Bray & Kelly, 1998) — für Kinder ist dieser Übergang besonders belastend.
„Das Kind lehnt dich nicht ab. Es versucht, alle zu schützen, die es liebt — einschließlich sich selbst. Das ist keine Ablehnung. Das ist Überleben.” — Sally Matthes, Coach für Bonusmamas
Heute schauen wir uns das genauer an.
🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Loyalitätskonflikte — wenn Bonuskinder zwischen den Stühlen sitzen“ an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.
Die 5 Herausforderungen im Überblick
1. Insider und Outsider: Die Positionen im Paar sind oft festgefahren und intensiv. Der neue Partner fühlt sich oft ausgeschlossen und muss seinen Platz in der bereits bestehenden Familieneinheit finden. Die Kinder haben eine enge Bindung an den biologischen Elternteil und können den neuen Partner als Bedrohung wahrnehmen.
2. Verluste und Loyalitätskonflikte: Kinder in Patchworkfamilien kämpfen mit Verlusten und oftmals mit zu vielen Veränderungen in zu kurzer Zeit. Sie müssen den Verlust der ursprünglichen Familienstruktur verarbeiten, fühlen sich hin- und hergerissen zwischen dem biologischen Elternteil und dem neuen Partner und müssen sich an neue Regeln, Routinen und möglicherweise einen neuen Wohnort gewöhnen.
3. Erziehung als Spaltpotenzial: Erziehungsaufgaben können das Paar spalten, wenn es unterschiedliche Ansichten gibt. Der biologische Elternteil und der neue Partner können unterschiedliche Erziehungsstile und -vorstellungen haben. Es kann zu Konflikten kommen, wenn der neue Partner in die Erziehung eingreift oder der biologische Elternteil sich in seiner Elternrolle bedroht fühlt.
4. Neue Familienkultur: Die Familie muss eine neue Kultur schmieden und gleichzeitig eine Vielzahl von Unterschieden navigieren. Jedes Familienmitglied bringt seine eigene Geschichte, Werte und Gewohnheiten mit. Es gilt, neue Traditionen und Rituale zu entwickeln, die alle einbeziehen — wobei Bonuseltern keine Erziehungsmacht übernehmen, diese bleibt beim Elternteil.
5. Der Ex-Partner: In Patchworkfamilien gibt es mindestens einen Ex-Partner — ob lebend oder verstorben — außerhalb der Kernfamilie, der untrennbar mit der Familie verbunden ist. Die Beziehung zum Ex-Partner beeinflusst die Dynamik, Konflikte können auf die neue Familie übergreifen und Kinder haben weiterhin eine Bindung an den außerhalb lebenden Elternteil.
Lass uns nun direkt Mal tiefer in die zweite Herausforderung einsteigen.

Zwischen den Stühlen
Es ist, als würde sie ihren Vater verlieren — an diese andere Frau, die plötzlich so viel Zeit mit ihm verbringt. Gleichzeitig hat sie das Gefühl, ihre Mutter zu verraten, wenn sie sich zu sehr auf Lisa einlässt. Sie fühlt sich hin- und hergerissen, zwischen zwei Stühlen.
Solche Verlusterfahrungen und Loyalitätskonflikte sind für Bonuskinder wie Emma eine schwere Last. Sie müssen nicht nur den Verlust der ursprünglichen Familie verkraften, sondern auch den Verlust der exklusiven Beziehung zum leiblichen Elternteil. Wenn Papa mit der neuen Partnerin schmust — oder sich ein Mini-Wife-Muster zeigt — fühlen sie sich schnell vernachlässigt, verlassen und ängstlich. Besonders wenn das Bonuskind nur am Papa klebt, wird diese Dynamik spürbar.
Der Loyalitätskonflikt — das Gefühl, Mama oder Papa zu verraten, wenn man die Bonuseltern mag — kann quälend sein. Selbst bei einvernehmlichen Trennungen ist diese Zerrissenheit für Kinder eine große Belastung. Kommt es zwischen den leiblichen Eltern zum Streit, wird sie sogar unerträglich.
Während Erwachsene oft schnell vorwärtsgehen wollen, brauchen Kinder mehr Zeit, um sich an die neue Situation anzupassen. Gerade Teenager wie Emma, Kinder mit tieferen Loyalitätskonflikten und Kinder, die bereits andere Verluste erlebt haben, benötigen ein langsameres Tempo, viel Eins-zu-eins-Zeit mit Mama oder Papa und weniger Aktivitäten mit der ganzen Patchworkfamilie.
Wahre Loyalität kennt keine Geheimnisse, keine Heimlichkeiten und keine doppelten Gesichter. – Unbekannt
Das Leben in der Schneekugel
Emma fühlt sich, als hätte jemand ihr Leben in eine Schneekugel gepackt und kräftig geschüttelt. Nichts ist mehr, wie es war. Beim Frühstück gibt es plötzlich Smoothies statt Nutella-Brote, weil Lisa auf gesunde Ernährung achtet. Im Bad stehen fremde Shampoos und Cremes, die nach Vanille und Kokosnuss duften. Und im Wohnzimmer hängen Bilder von Lisas letztem Urlaub, auf denen ihr Vater mit ihr am Strand lacht.
Für Emma geht das alles viel zu schnell. Sie hat kaum Zeit, sich an eine Veränderung zu gewöhnen, da steht schon die nächste vor der Tür. Manchmal wünscht sie sich ihre alte Welt zurück, in der alles vertraut und vorhersehbar war. Doch die gibt es nicht mehr. Stattdessen muss sie sich nun in einer neuen Realität zurechtfinden, in der sich alles fremd und chaotisch anfühlt.
Emmas Vater wünscht sich, dass sie die Veränderungen genauso positiv sieht wie er. Dass sie Lisa mit offenen Armen empfängt und dankbar ist für die schöne neue Wohnung und all die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Doch für Emma ist das nicht so einfach. Sie braucht Zeit, um zu trauern und Abschied zu nehmen von dem, was sie verloren hat. Zeit, um sich an all das Neue zu gewöhnen und es langsam in ihr Leben zu integrieren.
Als Eltern und Bonuseltern ist es unsere Aufgabe, Verständnis für diese Überforderung zu haben. Anstatt Begeisterung und schnelle Anpassung zu erwarten, sollten wir den Kindern den Raum geben, den sie brauchen, um mit den Veränderungen Schritt für Schritt klarzukommen. Nur wenn wir ihr Tempo respektieren und ihre Gefühle ernst nehmen, können sie nach und nach in ihrem neuen Leben ankommen.

Strategien, um das Kind zu unterstützen
Wenn wir als Eltern und Bonuseltern erleben, wie unsere Kinder mit Verlusten, Loyalitätskonflikten und Überforderung kämpfen, fühlen wir uns oft hilflos. Doch es gibt Wege, wie wir sie in dieser herausfordernden Situation unterstützen können:
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Nehmt euch Zeit: Akzeptiert, dass die Anpassung an die neue Familiensituation für Kinder oft länger dauert als für Erwachsene. Geht die Veränderungen in einem Tempo an, das für die Kinder verträglich ist. Überstürzt nichts und habt Geduld.
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Schafft Stabilitäten: Inmitten all der Veränderungen brauchen Kinder Ankerpunkte, an denen sie sich festhalten können. Etabliert verlässliche Routinen und Rituale, die ihnen Halt und Sicherheit geben. Das können feste Zeiten für gemeinsame Mahlzeiten, Gute-Nacht-Geschichten oder Wochenendausflüge sein.
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Seid aufmerksam: Beobachtet eure Kinder genau und versucht, ihre Perspektive einzunehmen. Welche Verhaltensweisen oder Stimmungen deuten darauf hin, dass sie überfordert sind? Wann zeigen sich Anzeichen von Loyalitätskonflikten bei den Bonuskindern? Je besser ihr ihre Bedürfnisse versteht, desto gezielter könnt ihr darauf eingehen.
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Bietet Gesprächsangebote: Zeigt den Kindern, dass ihr für sie da seid und ein offenes Ohr für ihre Sorgen habt. Fragt sie nach ihren Gefühlen und Gedanken, ohne sie zu drängen. Manchmal hilft es schon, wenn sie wissen, dass sie mit euch über alles reden können.
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Gestaltet Eins-zu-eins-Zeit: Plant bewusst Zeitfenster ein, in denen ihr euren Kindern eure ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Ob ihr mit ihnen spazieren geht, Gesellschaftsspiele spielt oder einfach nur kuschelt — wichtig ist, dass sie spüren, dass sie nicht um eure Zuwendung konkurrieren müssen.
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Erlaubt Ambivalenzen: Macht den Kindern klar, dass es okay ist, wenn sie gemischte Gefühle gegenüber der neuen Familiensituation haben. Sie dürfen die Bonuseltern nett finden und gleichzeitig ihre leiblichen Eltern vermissen. Sie dürfen sich auf das Neue freuen und gleichzeitig das Alte betrauern. Widersprüchliche Emotionen sind normal und müssen nicht aufgelöst werden.
Wednesday Martin (2009) betont: Stiefmütter, die den Loyalitätskonflikt des Kindes verstehen, haben deutlich bessere Beziehungen zu ihren Bonuskindern — weil sie das Verhalten nicht persönlich nehmen, sondern als das erkennen, was es ist: ein kindlicher Überlebensmechanismus.
Mit Einfühlungsvermögen, Geduld und liebevoller Zuwendung können wir unseren Kindern helfen, ihre Verluste zu verarbeiten, Loyalitätskonflikte zu überwinden und in der Patchworkfamilie anzukommen. Vertraut darauf, dass jedes Kind seinen eigenen Weg und sein eigenes Tempo finden wird — und begleitet es dabei ohne Druck und Erwartungen.
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Was ist ein Loyalitätskonflikt bei Bonuskindern?
Ein Loyalitätskonflikt entsteht, wenn ein Kind das Gefühl hat, sich zwischen zwei Bezugspersonen entscheiden zu müssen - meistens zwischen der leiblichen Mutter und der Bonusmama. Das Kind fühlt sich schuldig, wenn es die neue Partnerin des Vaters mag, weil es glaubt, damit die Mama zu verraten.
Woran erkenne ich einen Loyalitätskonflikt beim Bonuskind?
Typische Zeichen: Das Kind verhält sich bei der Übergabe plötzlich anders, lehnt Nähe ab die es vorher zugelassen hat, sagt Dinge wie "Mama hat gesagt, ich darf dich nicht lieb haben", oder zieht sich emotional zurück. Oft schwankt das Verhalten zwischen zwei Extremen.
Wie kann ich als Bonusmama mit Loyalitätskonflikten umgehen?
Dränge dich nicht auf. Gib dem Kind Raum und signalisiere: Du musst dich nicht entscheiden. Ich bin da, ohne dass du dafür deine Mama verraten musst. Sprich nie schlecht über die leibliche Mutter - auch nicht indirekt. Das Kind braucht die Erlaubnis, alle seine Bezugspersonen lieb haben zu dürfen.