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Kinder & Bindung

Pubertät in der Patchworkfamilie: Warum im Gehirn die Lichter ausgehen

Von Sally Matthes · 2. Mai 2026
Teenager sitzt mit verschränkten Armen auf dem Sofa, Bonusmama steht nachdenklich im Hintergrund

Dein Teenager steht vor dir — und du hast das Gefühl, mit einer Wand zu reden. Kein Zuhören. Kein Mitdenken. Keine Reaktion auf das, was du sagst. Und du fragst dich: Liegt es an mir? Habe ich was falsch gemacht? Oder ist das „halt die Pubertät”?


🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Im Gehirn gehen die Lichter aus” mit Kira Liebmann an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.


Warum dein Teenager dich gerade nicht hören kann

Kira Liebmann ist Pubertätsüberlebenstrainerin. Sie hat über 400 Vorträge an Schulen gehalten und begleitet Familien durch die turbulenteste Phase der Kindheit. Im Gespräch hat sie ein Bild verwendet, das bei mir sofort hängen geblieben ist:

Stell dir eine lange Lagerhalle vor. Am Anfang der Pubertät schaltet sich das Gehirn einmal komplett aus. Dann gehen die Lichter eins nach dem anderen wieder an — vom Nacken nach vorne. Das letzte Licht, ganz vorne hinter der Stirn? Der präfrontale Kortex. Zuständig für logisches Denken, Planen, Konsequenzen abschätzen.

Und der bleibt am längsten im Winterschlaf. Bis 17 ungefähr fangen Jugendliche an, wieder vollen Zugriff darauf zu bekommen. Wirklich fertig? Mitte 20.

Das bedeutet: Dein Teenager ist nicht respektlos. Er ist nicht faul. Ihm fehlt buchstäblich das Werkzeug, das wir Erwachsene für selbstverständlich halten.

Labeling: Die unsichtbare Gefahr

Etwas, das Kira besonders am Herzen liegt — und was mich persönlich sofort getroffen hat: Wie schnell wir Teenager labeln.

„Ach, das ist halt die Pubertät.” „Der wird jetzt doof.” „Die fängt an zu spinnen.”

Wir werten eine komplette Entwicklungsphase ab. Kira vergleicht es mit einem Satz, den viele schwangere Frauen kennen: „Ach, Schwangerschaftsdemenz.” — Als wäre man plötzlich weniger wert, nur weil der Körper gerade einen biologischen Prozess durchläuft.

Statt bei uns zu schauen, geben wir die Verantwortung dem Jugendlichen. Weil es einfacher ist, „Pubertät” zu sagen, als hinzuschauen, was das Verhalten wirklich auslöst.

Connection over Correction — besonders als Bonusmama

Hier wird es für uns in Patchworkfamilien richtig spannend: Beziehung vor Erziehung. Das kennen wir als Bonusmamas sowieso. Wir wissen, dass wir ohne Beziehung nichts bewegen können.

Kira bestätigt: In der Pubertät wird genau dieses Prinzip nochmal zehnmal wichtiger. Teenager gehen über Gefühle, über Beziehung, über Austausch — nicht über Befehle und Anweisungen.

Und als Bonusmama hast du dabei einen unerwarteten Vorteil: Du bist nicht die leibliche Mutter. Du bist eine andere Instanz. Ein Puffer. Eine Mediatorin. Jemand, der einen anderen Blickwinkel mitbringt — ohne die ganze Geschichte der Kindheit mit reinzuschleppen.

Das ist kein Makel. Das ist ein Geschenk.

Was du konkret tun kannst

1. Verstehe die Biologie. Dein Teenager ist nicht absichtlich schwierig. Das Gehirn baut sich gerade komplett um. Logisches Denken kommt als Letztes zurück. Wenn du das weißt, nimmst du es weniger persönlich.

2. Hör auf zu labeln. Jedes Mal, wenn du „Pubertät” als Erklärung für alles benutzt, machst du den jungen Menschen ein Stück kleiner. Schau stattdessen hin: Was steckt hinter dem Verhalten?

3. Beziehung geht vor Regeln. Eine Regel ohne Beziehung ist eine Provokation. Investiere in Verbindung — auch wenn es sich anfühlt, als würde es nichts bringen. Es bringt was. Du siehst es nur noch nicht.

4. Erlaube dir Unterstützung. Kira sagt klar: Wenn dein Bauchgefühl dir sagt, hier komme ich alleine nicht weiter — dann ist der Moment da, sich Hilfe zu holen. Das ist keine Schwäche. Das ist Verantwortung.

5. Schreib dir Kiras Mantra auf einen Post-it: „Es geht vorbei.” Jede Phase kommt in Wellen. Und jede Welle geht auch wieder.

Es gibt keine Blaupause — und das ist okay

Jede Pubertät ist anders. Jedes Kind ist anders. Und jede Patchworkfamilie ist sowieso anders. Es gibt nicht den einen Weg. Bei Kind A funktioniert A, bei Kind B vielleicht B.

Bleib neugierig. Bleib offen. Und bleib gnädig — mit dem Teenager und mit dir.


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Über Kira Liebmann: Pubertätsüberlebenstrainerin, systemischer Coach und Mutter von zwei Kindern (17 und 13). Mehr von Kira auf Instagram und auf ihrer Akademie für Familiencoaching.

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