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Rolle & Identität

Ich sollte meine Stiefkinder lieben... oder?

Von Sally Matthes · 11. Oktober 2024 · Aktualisiert: 10. März 2026
Bonusmama blickt nachdenklich aus dem Fenster und reflektiert über ihre Gefühle

Du sollst sie lieben. So lautet der ungeschriebene Vertrag, den dir niemand zur Unterschrift vorgelegt hat — der aber von allen erwartet wird. Von deinem Partner, von deiner Schwiegermutter, von der Gesellschaft, und vor allem: von dir selbst. Du liegst nachts wach und fragst dich, was mit dir nicht stimmt. Warum du nicht das fühlst, was du fühlen solltest. Als Coach und selbst Bonusmama sage ich dir: Hör auf, dich dafür fertigzumachen. Es stimmt nämlich nichts mit dir nicht.


🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Ich sollte meine Stiefkinder lieben… oder?” an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.


Zwei Hände reichen einander vorsichtig als Zeichen des langsamen Vertrauensaufbaus

Woher kommt der Druck, sofort zu lieben?

Stell dir vor, du startest einen neuen Job. Am ersten Tag sagt dir dein Chef: „Ab heute liebst du alle Kollegen.” Du würdest denken, er hat den Verstand verloren. Aber genau das erwarten wir von Bonusmamas. Sofortige, bedingungslose Liebe zu Kindern, die sie nicht geboren haben, die sie manchmal kaum kennen und die möglicherweise alles tun, um sie abzulehnen.

Wednesday Martin beschreibt in ihrem Buch „Stepmonster” (2009), dass der gesellschaftliche Druck auf Stiefmütter historisch gewachsen ist — und dass das Märchen von der bösen Stiefmutter paradoxerweise dazu geführt hat, dass reale Stiefmütter sich erst recht beweisen müssen. Du musst doppelt so nett, doppelt so geduldig, doppelt so liebevoll sein, um das Etikett loszuwerden.

Das Ergebnis? Du übergehst deine echten Gefühle. Du spielst eine Rolle. Und irgendwann merkst du: Du hast dich selbst verloren.


Was du statt Liebe anbieten kannst — und warum das reicht

Respekt

Du musst ein Kind nicht lieben, um es respektvoll zu behandeln. Respekt bedeutet: Ich sehe dich. Ich nehme deine Bedürfnisse ernst. Ich behandle dich fair. Das ist kein Trostpreis. Das ist die Basis jeder funktionierenden Beziehung.

Verlässlichkeit

Kinder — besonders solche, die eine Trennung erlebt haben — brauchen keine weitere Person, die behauptet, sie zu lieben. Sie haben genug leere Versprechen gehört. Was sie brauchen: jemand, der da ist. Verlässlich. Berechenbar. Echt.

„Liebe ist kein Pflichtprogramm. Aber Zuverlässigkeit und Respekt — das können Bonusmamas vom ersten Tag an anbieten. Und das ist mehr wert als jede erzwungene Umarmung.” — Sally Matthes, Coach für Bonusmamas

Interesse

Frag das Bonuskind, was es mag. Nicht weil du es lieben willst, sondern weil du es kennenlernen willst. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Und Kinder spüren das sofort.


Die Schuldgefühle, über die niemand spricht

Du sitzt am Esstisch. Dein eigenes Kind erzählt etwas und du hörst mit ganzem Herzen zu. Dann erzählt das Bonuskind etwas — und du merkst, dass dein Herz nicht genauso reagiert. Stich im Bauch. Scham. Der Gedanke: Was bin ich für ein Mensch?

Du bist ein ehrlicher Mensch. Und das ist gut so. In Deutschland leben rund 1,1 Millionen Patchworkfamilien (Statistisches Bundesamt, 2024), und in den wenigsten davon fühlt die Bonusmama für alle Kinder gleich. Das ist kein Defekt. Das ist Biologie, Geschichte und Realität.

Wenn du dich in diesen Schuldgefühlen wiedererkennst, lies auch den Artikel über Schuldgefühle als Bonusmama — du bist damit nicht allein.


Frau geht einen Waldweg entlang, warmes Licht fällt durch die Baumkronen

Was passiert, wenn du aufhörst, dich zu zwingen

Etwas Paradoxes: Wenn du aufhörst, Liebe zu erzwingen, wird Zuneigung wahrscheinlicher. Nicht garantiert. Aber wahrscheinlicher.

Denn wenn der Druck wegfällt, kannst du authentisch sein. Und Authentizität ist das, worauf Kinder am stärksten reagieren. Sie spüren, ob du echt bist oder eine Show abziehst. Und sie spüren es schneller als jeder Erwachsene.

Laut Patricia Papernow (2013) entwickeln sich die stärksten Bindungen zwischen Stiefmüttern und Bonuskindern dann, wenn die Stiefmutter ihre eigene Rolle definiert — statt zu versuchen, eine Kopie der leiblichen Mutter zu sein. Mehr darüber, wie du deine Rolle findest, liest du im Artikel Wie du als Bonusmama eine gute Beziehung zum Bonuskind aufbaust.


Die Wahrheit, die niemand laut ausspricht

Nicht jede Bonusmama-Bonuskind-Beziehung wird zu einer engen Bindung. Manche bleiben respektvoll-distanziert. Manche werden freundschaftlich. Manche werden mit den Jahren tief und bedeutsam.

Und alle diese Varianten sind in Ordnung.

Was nicht in Ordnung ist: wenn du dich dafür zerstörst, dass du nicht das Unmögliche schaffst. Wenn du dich jeden Abend fragst, ob du genug bist. Wenn du ein Gefühl erzwingst, das nicht in deiner Macht liegt.

Du bist genug. Nicht weil du liebst. Sondern weil du da bist — trotz allem. Wenn du dich fragst, was es überhaupt heißt, Stiefmutter zu sein, oder wie eine gesunde Patchworkfamilie funktioniert, findest du dort weitere Orientierung.


Zusammenfassung

Der gesellschaftliche Druck, Stiefkinder sofort zu lieben, schadet mehr als er hilft. Was Bonuskinder wirklich brauchen, ist kein erzwungenes Mutterglück — sondern Respekt, Verlässlichkeit und Authentizität. Die stärksten Bindungen in Patchworkfamilien entstehen nicht durch Zwang, sondern durch Echtheit und Zeit. Und du darfst dir genau diese Zeit nehmen.

Willst du wissen, was dich als Bonusmama wirklich blockiert?

In 3 Minuten findest du heraus, welches Muster sich unbemerkt eingeschlichen hat und was du tun kannst, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.

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Häufige Fragen

Ist es normal, Stiefkinder nicht zu lieben?

Ja. Liebe zu Kindern, die nicht die eigenen sind, lässt sich nicht erzwingen. Viele Bonusmamas entwickeln über die Jahre eine tiefe Zuneigung, aber das ist kein Automatismus. Respekt und Verlässlichkeit sind die Basis — Liebe kann daraus wachsen, muss aber nicht.

Wie gehe ich damit um, wenn mein Partner erwartet, dass ich seine Kinder liebe?

Führe ein offenes Gespräch darüber, was realistisch ist. Erkläre, dass Zuneigung Zeit braucht und nicht erzwungen werden kann. Die meisten Partner verstehen das, wenn man es ohne Vorwürfe kommuniziert.

Was sage ich, wenn das Bonuskind fragt, ob ich es lieb habe?

Sei ehrlich, aber altersgerecht. Du kannst sagen: „Ich habe dich sehr gern und ich bin froh, dass du in meinem Leben bist." Das ist keine Lüge — und kein erzwungenes „Ich liebe dich", das sich hohl anfühlt.

Ab wann sollte ich mir Sorgen machen, wenn gar keine Zuneigung entsteht?

Wenn du nach mehreren Jahren aktive Abneigung empfindest, die dich und die Familie belastet, lohnt sich professionelle Unterstützung. Ein Coaching kann helfen, blinde Flecken aufzudecken und neue Perspektiven zu finden.